Leerstehende Räume nutzen, neue Räume schaffen: Wie Zwischennutzungsagenturen neues Leben in leere Räume bringen – Teil 2

Seit rund einem Jahr bauen wir gemeinsam mit dem TGZ Prignitz eine regionale Agentur für Zwischennutzungen auf: “PopUp Prignitz – Agentur für Freiräume”. Grund genug, einen Blick auf all die Menschen und Initiativen zu werfen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, um Leerstände aufzuspüren, zu sichten und zur temporären Nutzung an Interessierte zu vermitteln – Teil 2

Suchen, vermitteln & beraten: Über die vielfältigen Aufgaben von Zwischennutzungsagenturen

Wie werden Leerstände an potentielle Nutzer:innen vermittelt?

Die meisten Zwischennutzungsagenturen arbeiten projektbezogen mit einzelnen Objekten – auf eine systematische Leerstandserfassung zurückgreifen zu können ist für viele mehr Wunsch als Realität. Gefunden werden bespielbare Leerstände viel eher durch Informationen von persönlichen Kontakten und Netzwerken sowie das Wahrnehmen im Stadtbild. Nur wenige Zwischennutzungsagenturen bespielen eigene Plattformen, auf denen die zu vermittelnden Leerstände eingetragen und angefragt werden können. Ausnahmen bilden hier blank Jena oder Radar Frankfurt, die auf ihren Websites Galerien eingebunden haben, welche die jeweils verfügbaren Freiflächen anzeigen. Über Formulare können Raumgesuche sowie Angebote aufgegeben werden. 

Vermittlungsleistung als Kernaufgabe von Zwischennutzungsagenturen

Die Vermittlung und Moderation zwischen Eigentümer:innen und Interessierten ist die Kernaufgabe von Zwischennutzungsagenturen: ”Also es geht wirklich darum, dass ein Eigentümer und ein Nutzer eine individuelle Vereinbarung finden, die für beide Seiten tragfähig ist. Unsere Hauptrolle ist, die beiden miteinander zu vernetzen. Wir schließen keine Verträge, wir sind diejenigen, die zwischen Parteien solange moderieren, wie sie dies wünschen und es brauchen”, so Stefanie Raab von der Zwischennutzungsagentur coopolis in Berlin bereits 2007 (TELEPOLIS 2017). Diese Vermittlungsleistung zeigt sich auch in Begehungen vor Ort sowie der gezielten Begutachtung und Bewertung der Räumlichkeiten. Einige Agenturen arbeiten neben der Vermittlung auch an konkreten Nutzungskonzepten mit und treten selbst als Mietende auf – dazu gehört beispielsweise die ZwischenZeitZentrale Bremen. Die Vermittlungsfunktion zeigt sich häufig auch in der Weitervermittlung an andere Ansprechpartner:innen, wenn es beispielsweise um die Nutzung von Lagerflächen oder Umnutzungsanträge geht. 

Der Umgang mit Eigentümer:innen

Eine der zeitintensivsten Aktivitäten in der Vermittlungsarbeit ist jedoch die Ansprache und Überzeugung der Eigentümer:innen. Gründe für die Skepsis gegenüber Zwischennutzungen von Seiten der Eigentümer:innen sind schlicht mangelndes Interesse (v.a. wenn Verwalter:innen für die Immobilien eingesetzt werden), mangelnde finanzielle Gewinne, die Erwartung von zu viel Aufwand oder auch Vorbehalte gegenüber der Hausbesetzerszene und damit verbunden die Befürchtung, dass Zwischennutzende die Räumlichkeiten in schlechtem Zustand oder nicht wie abgesprochen nach Ende der Nutzung wieder verlassen. Oftmals fehlt auch schlicht der Zugang zu kreativen oder innovativen Themen.

Der Schlüssel zum Gelingen von Zwischennutzungsprojekten scheint deshalb der persönliche Kontakt zu Vermieter:innen zu sein, deren Bedürfnissen und Ängsten sich die Agentur mit viel Zeit und Empathie über den gesamten Zeitraum der Zwischennutzung widmen sollte. Jedoch: Die Vorbehalte einiger Eigentümer:innen scheinen immer weiter abzunehmen. Das Konzept von Zwischennutzungen etabliert sich zunehmend und kann mit zahlreichen positiven Beispielen aufwarten. 

Ebenfalls Aufgabe von Zwischennutzungsagenturen: Juristische Beratung und Kommunikation

Auch die juristische Beratung ist Kernbestandteil der Arbeit von Zwischennutzungsagenturen. Denn die größten Fragen rund um Zwischennutzungen betreffen häufig Versicherung und Haftung. So stellt jede Zwischennutzung ein individuell verlaufendes Projekt dar, das persönlich und mit viel Zeit und Feingefühl betreut werden muss. Einige Zwischennutzungsagenturen berichten von der Ausarbeitung von Verträgen über Zeiträume von bis zu einem halben Jahr. Blaupausen und vorstrukturierte Schemata kommen dabei eher nicht zur Anwendung. 

Als drittes großes Arbeitspaket von Zwischennutzungsagenuren wird die Öffentlichkeitsarbeit genannt. Diese findet meist sowohl vor Ort, als auch über digitale Kanäle wie Social Media statt und soll sicherstellen, dass für die leerstehenden Objekte passende Nutzer:innen erreicht und gefunden werden können. 

Unterschiedliche Arten von Zwischennutzungen: Fokus auf Kreativräume

Zwar gibt es einige Agenturen wie die Zwischenraumagentur Flensburg, die verschiedenste Zwischennutzungskonzepte vermitteln, jedoch konzentrieren sich die meisten Agenturen auf die gezielte Schaffung und Vermittlung von Zwischenräumen für Kunst und Kultur. Zwischennutzungen umfassen hier Proberäume für Bands, Orchester und Tanzgruppen, Ateliers und kreative Arbeitsräume, Ausstellungsflächen, Probebühnen oder in Zeiten der Corona-Pandemie v.a. auch Außenräume zur kulturellen Bespielung. Zu den Zwischennutzungsagenturen, die sich auf die Vermittlung von Räumlichkeiten zur temporären Nutzung für Kreativschaffende spezialisiert haben, zählen Zwischenraum Hannover, blank Jena, Transiträume Berlin, Radar Frankfurt, Team Z in Heidelberg, Raum auf Zeit in Oldenburg, die Freiraumstation in Homberg, die Kreative Zwischennutzung in Stuttgart, Raumkompass in Nürnberg oder Initiativen und Projekte wie Tapetenwechsel Bochum.

Zahlreiche Projekte rund um Zwischennutzungen, die durch Programme aus den Bereichen der Wirtschaftsförderung oder zur Belebung der Innenstädte ins Leben gerufen wurden, legen ihren Fokus hingegen auf die Etablierung und Bespielung von Pop-Up-Stores. Hierzu zählen beispielsweise Hanau aufladen, Zwischenzeit 4.0 Osnabrück, alwin – aktives Leerstandsmanagement Wittlicher Innenstadt oder das City Pop-Up Perleberg

Und auch Wohnen und Arbeiten können Kernstück von Zwischennutzungsprojekten sein: Adapter Stuttgart vermittelt temporären gewerblichen Leerstand als Wohnraum, das Projekt “Stadt auf Probe – Wohnen und Arbeiten in Görlitz” hat bis 2021 temporäre Wohn- und Arbeitsräume in Görlitz vermittelt und im Summer of Pioneers können ebenfalls Wohn- und Arbeitsorte in Kleinstädten für einen begrenzten Zeitraum ausgetestet werden.

Ausblick auf unsere neue Zwischennutzungsagentur in der Prignitz

Unsere Zwischennutzungsagentur PopUp Prignitz betrachte ganz bewusst die Chancen von Zwischennutzungen in weniger verdichteten Regionen: Der Landkreis Prignitz weist viel ungenutzten Potenzialraum auf, der temporär belebt und genutzt werden kann. Die Ansprache von Eigentümer:innen sowie die Aktivierung der Bürger:innen und überregional Interessierter ist unser zentrales Anliegen, um das noch schlummernde Potenzial der vorhandenen Flächen sichtbar zu machen und möglichst gemeinwohlorientiert und partizipativ zu nutzen. Mitte Dezember wird unsere Plattform launchen, bis dahin könnt ihr uns gerne bereits hier oder über Social Media via Facebook und Instagram folgen.

Kennt ihr weitere Zwischennutzungsagenturen, die ihr empfehlen wollt? Wohnt ihr in der Prignitz oder wollt einfach mehr über PopUp Prignitz erfahren? Dann meldet euch gerne jederzeit bei Felicitas Nadwornicek unter felicitas.nadwornicek@neuland21.de. Wir freuen uns auf eure Fragen, Anregungen und Ideen!

Hier geht’s zurück zu Teil 1 unseres Beitrags über Zwischennutzungsagenturen.

Quellen:

Deutscher Bundestag: “Flächenverbrauch: Bundesregierung verfehlt 30-Hektar-Ziel”, 01. Februar 2021. Digital: https://www.bundestag.de/presse/hib/820154-820154#:~:text=Das%20im%20Klimaschutzplan%202050%20der,dem%20Jahr%202000%20etwa%20halbiert  

Lüber, Klaus: “Zwischennutzung von Immobilien”, 2015. Digital: https://www.goethe.de/ins/nz/de/kul/mag/20490709.html

Nachrichten München: „Kulturelle Zwischennutzung in Berg am Laim ermöglichen“, 20. Mai 2022. Digital: https://www.nachrichten-muenchen.com/kulturelle-zwischennutzung-in-berg-am-laim-ermoeglichen/171836/

TELEPOLIS: „Stadtumbau durch Kommunikation“, 2017. Digital: https://www.heise.de/tp/features/Stadtumbau-durch-Kommunikation-3410688.html