We ❤ LUG 2 Coworking

Innovator des Monats

We 💚 LUG 2 Coworking

Brandenburg ist wieder um einen Coworking Space reicher geworden – im Februar eröffnete LUG2 im südbrandenburgischen Herzberg/Elster. neuland21 spricht mit der Projektleiterin Stephanie Auras-Lehmann vom Betreiber-Verein “G3 – Generationen Gehen Gemeinsam” über die Entstehung und Eigenheiten dieses Ortes, der schon jetzt weit mehr ist als ein geteilter Arbeitsraum in einer ländlichen Kleinstadt.

Stephanie, was genau ist LUG2?

Vielleicht erstmal etwas Interessantes zum Namen: es heißt LUG2, weil das Gemeinschaftsbüro oder der Coworking Space in Herzberg in der Lugstraße 2 verortet ist. Wir haben es ganz einfach gemacht auch für die Einheimischen: die Adresse ist der Name. An sich ist das LUG2 ein Coworking Space im ländlichen Raum in Herzberg/Elster. Es ist ein Projekt, das durch öffentliche Fördermittel – hauptsächlich vom Bundesprogramm Land(auf)Schwung – gefördert wird. Ziel ist es, dort Arbeitsplätze zu schaffen: für Freiberufler, für Neugründer, für Gründer, für Rückkehrer, für Zuzügler. Es ist also ein Ort für wirtschaftliches Entstehen, das war der Stadt Herzberg als Projektpartner wichtig, aber auch für Kreative, die nicht gerne alleine arbeiten, sondern vor Ort auch Austauschmöglichkeiten suchen. Wir vom Betreiber-Verein G3 haben in unserem Rückkehrerprojekt „Comeback Elbe-Elster“ schon gemerkt, dass gerade Rückkehrer oder Zuzügler nach solchen Arbeitsplätzen Ausschau halten und deswegen vielleicht auch zurückkommen oder zuziehen.

Wir stellen den Ort auch als Veranstaltungsraum zur Verfügung, die IHK hat zum Beispiel letztens junge Gründer hier informiert und eine Schulklasse war da, die wissen wollte, was der Beruf eines Mediengestalters so mitbringt. Diese Veranstaltungsformate sind ganz wichtig für uns.

 

Laden Foller Fotos, Stephanie Foller

 

Warum seid ihr gerade in Herzberg/Elster aktiv geworden?

Herzberg ist ganz interessant: 2016 haben wir einen Mini-Coworking-Space in Finsterwalde eröffnet, wo auch unsere Willkommensagentur sitzt – das “Arbeitszimmer“– das hat die Stadt Herzberg beobachtet und die Initiative ergriffen: „Wir haben hier einen Raum, den könnten wir uns vorstellen zu nutzen“. Gleichzeitig ist ein Zuzügler aus Österreich, Markus Wegner, mit seinem Unternehmen „Hafenjunge“ nach Herzberg gezogen und hat tatsächlich genau solche Möglichkeiten gesucht. Und somit ist die Stadt Herzberg mit der Coworking-Anfrage von Markus auf uns zugekommen und hat gesagt „Ihr habt ja in Finsterwalde schon mal so etwas aufgebaut, könntet ihr uns bei der Projektumsetzung helfen?“ – so ist das Projekt dann entstanden.

Es ist wirklich unglaublich, meistens ist es ja so, dass du einen kreativen Ort im ländlichen Raum erschaffst und dann erstmal alle überzeugen musst: die Kommune, die Einheimischen und so weiter. Hier bei dem Projekt war es ganz anders, da kam die Initialzündung wirklich von der Kommune selber und die Einheimischen haben das sofort genutzt – also zumindest die Zuzügler und Rückkehrer, eine Gruppe, die sehr kreativ ist. Nebenan ist zum Beispiel der Stoffladen „Schnuckidu“, dahinter steht eine Gründerin bzw. StartUplerin, die auch online Stoffe verkauft. Sie hat in der Elternzeit viel genäht und festgestellt, dass verschiedene Stoffe einfach nicht zu bekommen sind. Sie hat dann den Online-Versand initiiert, aber auch den Laden in der Stadt eröffnet und verkauft jetzt weltweit Stoffe. Für einen Nähworkshop hat sie vor Kurzem erst die Räume des LUG2 genutzt.

Natürlich gibt es auch Reibungspunkte. Wir sind sehr viele Projektträger – der Verein G3 als Betreiber mit der Rückkererinitiatvie „Comeback Elbe-Elster“, die Stadt Herzberg als Projektpartner, das Jungunternehmernetzwerk NEOpreneurs und dann noch zahlreiche einheimische Firmen als Sponsoren. Am Anfang gab es Diskussionen: wie nutzen wir den Space, wie soll er aussehen, welchen Namen geben wir ihm… Aber ich glaube, wenn man das dann einmal zusammen geschafft hat und wichtige Entscheidungen gemeinsam getroffen hat, dann können auch alle diesen Raum für sich nutzen, aber trotzdem sind wir ein Team.

 

Wie kann man an eurer Arbeit teilhaben?

Es gibt seit Februar ein After-Work-Meeting, das ist immer am letzten Mittwoch im Monat. Der Bürgermeister selbst und Markus Wegner laden zu einer offenen Runde ein. Man kann am Nachmittag oder Abend vorbeikommen, ganz locker, kann Ideen vorbringen, vielleicht auch einfach nur auf einen After-Work-Drink vorbeikommen und sich austauschen oder auch neue Ideen schmieden. Wir haben das jetzt zweimal durchgeführt und es wurde gut angenommen. Natürlich sind in einer Kleinstadt dann meistens auch die gleichen Gesichter da, aber ich finde es schon trotzdem gut, besonders, dass der Bürgermeister persönlich vor Ort ist. Es soll allerdings keine Meckerstunde werden. Sicherlich kann man auch äußern was einem nicht gefällt, aber hauptsächlich dient dieses After-Work-Format dazu, wirklich neue Sachen, neue Ideen zu schmieden und auch umzusetzen.

LUG2 Coworking, Markus Wegner

 

Welche Rolle spielt die Digitalisierung im LUG2?

Ich arbeite jetzt schon seit 10 Jahren im Projektmanagement und dennoch ist es auch für mich besonders spannend, in diesem Projekt tätig zu sein, weil es anders ist als andere Projekte. Wir haben einen Instagram- und einen Facebook-Kanal, denn die Zielgruppe, die wir für LUG2 erreichen wollen, sind natürlich junge, digital aktive Leute. Wir haben aber auch einen gedruckten Folder, den wir vor Ort auslegen. Man darf das Stationäre nicht vergessen, denn unsere andere Zielgruppe sind ebenso die traditionellen Unternehmen, die vielleicht einen Mitarbeiter aus dem Marketing- oder IT-Team einmal in der Woche oder im Monat bei uns arbeiten lassen wollen. So kann man vielleicht auch in die traditionellen Firmen und Unternehmen vor Ort für LUG2 und unsere Initiative gewinnen.

Moderne Arbeitsformen spielen bei uns natürlich eine große Rolle, auch wenn wir da noch ganz am Anfang sind. Wir nutzen zum Beispiel Cloudspeicher und haben kürzlich einen Anrufbeantworter installiert, den man auch online abhören kann. Digitalisierung ist natürlich zurzeit das Wort überall, jeder nimmt es in den Mund, doch für den einen ist es das und für den anderen das. Wir haben uns auch Coworking Spaces in den Großstädten angeguckt, aber wir glauben, dass es wichtig ist, die Coworking Spaces für die Großstadt oder für den ländlichen Raum jeweils anzupassen. Man kann nicht alles aus der Großstadt kopieren, man muss auch seinen eigenen Weg finden als ländliche Region oder als Kleinstadt.

Als Beispiel: Am Eröffnungstag kam jemand zu uns und hat nach einer 10er-Karte gefragt. Bei uns zahlt man aber einen Monatsbeitrag und bekommt dann einen Schlüssel. Und er hat sich richtig gefreut, dass er einen echten Schlüssel zu unserem Coworking Space bekommt und theoretisch „24 hours“ Zutritt hätte. Wir haben ja „nur“ sechs Arbeitsplätze und da werden wir auch jedem einen Schlüssel geben und den Mietern vertrauen. Aber klar, er kommt aus der Großstadt und kannte das nicht.

Wir haben schon gemerkt, dass es unheimlich wichtig ist, mobil zu sein, digital zu sein, aber – und darauf bestehen wir – LUG2 ist auch eine Begegnungsstätte. Das ist, so glauben wir, ein Unterschied zu den großstädtischen Coworking Spaces. Es kommen Künstler, Einheimische und Schulklassen. Es ist in ländlichen Räumen wichtig, mit den Strukturen vor Ort zusammenzuarbeiten, weil man dann doch nicht alles nur auf den digitalen Bereich oder auf Zuzügler aus Berlin setzen kann, sondern in der Region einen Ort schaffen sollte, wo man selber neue Ideen kreiert, um seine Stadt weiterzuentwickeln.

 

Was ist euer Beitrag zur ländlichen Entwicklung?

Man merkt schon, dass es irgendwie einen neuen Spirit in unserem sehr ländlichen Raum gibt. Einerseits siedeln sich junge Gründer in der Stadt an: Die Herzbergerin, die das Geschäft „Schnuckidu“ eröffnet hat, hätte ja auch wegziehen können und das dann irgendwo in der Welt machen können. Es ist schön, dass die Leute dann doch auch vor Ort etwas tun, also nicht nur digital. Wenn der Bürgermeister dann hier regelmäßig zum Meetup kommt, das ist natürlich sensationell. Es haben sich hier traditionsreiche Firmen, auch Baufirmen beteiligt, indem sie bis heute einen Beitrag zur Miete sponsern. Inzwischen halten sie sogar hier ihren Gewerbestammtisch ab.

So soll es ja sein, dass „junge Moderne“ mit der Tradition zusammen einen Weg finden, um ihre Stadt oder ihre ländliche Region voranzubringen und Angebote schaffen, die ermöglichen, dass man hier gut leben kann, sowohl als Neugründer als auch als Unternehmer oder als Einheimischer. Denn natürlich redet man dann nicht nur über die Arbeit sondern irgendwann auch privat: über die erwachsene Tochter, die vielleicht zurück nach Herzberg ziehen möchte oder über den benötigten Kitaplatz. Dabei entstehen persönliche Gespräche und Kooperationen oder Ideen. Vielleicht gründet man dann sogar einen Verein, und schafft Angebote, die es vor Ort noch nicht oder nicht mehr gibt. Wir glauben, neben der Digitalisierung ist es immer noch ganz wichtig solche Begegnungsorte zu schaffen.

Dass so verschiedene Menschen in Kontakt kommen ist enorm wichtig für die Entwicklung der ländlichen Regionen. Wir waren als Verein G3 und Betreiber des LUG2 beeindruckt von der Stadt, sie haben sofort eine Ausstellung für junge Kunst im LUG2 gemacht, weil die Wirtschaftsförderin gleichzeitig im Kunstverein ist. Klasse, dass sie das direkt verbunden hat. Es war für uns unheimlich schön zu sehen, dass es gleich so genutzt und vielseitig bespielt wird, ohne dass man als Projektträger Vorschläge machen muss. Das hatten wir so in der Form auch noch nicht, dass sich durch die gemeinsame Aufbauarbeit dann so viele Sachen ergeben – das ist sensationell.

 

Wie ist LUG2 organisiert und was ist deine Rolle dabei?

Ich bin angestellt im Verein G3 – Generationen Gehen Gemeinsam, der Träger und Betreiber des Projektes ist. Wir sind ein Team von drei Mitarbeitern und ich bin mit der Projektleitung für LUG2 beauftragt worden. Der Verein betreut viele Projekte im Bereich Regionalentwicklung und wurde damals als Partner von der Stadt angefragt. Wir wickeln eigentlich hauptsächlich alles Administrative ab, Abrechnungen, Finanzen, usw, beteiligen uns aber mit unseren Erfahrungen auch intensiv an der inhaltlichen Ausgestaltung des LUG2. Wir wollen das Projekt zunächst anschieben und Impulse geben, aber es ist noch offen, wie sich das entwickelt. Bis 30.11.2019 sind wir Betreiber und Projektträger und dann soll sich das Projekt selbst tragen bzw. von den Herzbergern übernommen werden. Doch wir haben da eigentlich keine Bedenken, weil die Stadt das ja sehr unterstützt und weil vielleicht andere Partner dazukommen. Natürlich bleibt der Verein G3 mit dem Comeback Elbe-Elster dabei, wir bieten die Rückkehrerberatung dann weiterhin im LUG2 an, aber grundsätzlich wollen wir uns ein Stück zurückziehen und das dann wirklich den Leuten überlassen, die vor Ort leben.

Es ist noch ein bisschen Potenzial da, wir haben jetzt zwei Coworker auf sechs Plätze, zum Thema Miete und Betriebskosten wird es noch interessant, weil man sich diese Ausgaben teilen muss. Wir sind deshalb jetzt nach der Eröffnung dabei, ein Betreiberkonzept zu entwickeln, was dann mit allen Partnern zusammen funktioniert, ich bin guter Hoffnung. Aber man weiß natürlich nicht, wie es dann kommt. Es ist ja nicht nur die Miete: Als Betreiber hat man erstaunlich viele und umfangreiche Aufgaben, Verträge mit den Coworkern, der Putzvertrag, Presseanfragen und so weiter. Es wird dann interessant, wer diese Rolle übernimmt, denn die Rolle des Betreibers darf man nicht unterschätzen, es ist schon sehr aufwendig. Die Coworker haben eigentlich ihr eigenes Business. In unserem Minispace, dem Arbeitszimmer in Finsterwalde, war das alles noch in Ordnung, aber wir haben im LUG2 fast 200qm und die müssen auch organisiert werden.

 

Wenn du dir etwas wünschen dürftest, wie sähen ländliche Räume und speziell Herzberg in 20 Jahren aus?

Also ich würde mich freuen, wenn es LUG2 noch geben würde. Ich finde es toll, aber wer weiß, in 20 Jahren sind Coworking Spaces wahrscheinlich total out… Ich würde mir wünschen, dass wieder junge Leute in die Heimat zurückkehren und Leute zuziehen aufs Land. Ich bin mir aber auch dessen bewusst, dass es immer auch viel Kraft kosten wird, am Ball zu bleiben, sich nicht abhängen zu lassen von den Großstädten. Auf der anderen Seite sehe ich, wie sich die Gesellschaft entwickelt, wie Städte auseinanderbrechen vor zu vielen Einwohnern und zu wenig Wohnraum. Die Leute suchen wieder Ruhe, besinnen sich vielleicht auch wieder ein bisschen auf ihr Bauchgefühl – back to the roots – und ich glaube da hat der ländliche Raum natürlich eine Chance, zumal wenn man dranbleibt am Ausbau der Infrastruktur: Bahnanbindungen, Autobahnanbindungen, natürlich auch Digitalisierung. Wenn wir irgendwann überall Breitband hätten, das wäre total super. Dann kann man wirklich von überall in Brandenburg aus arbeiten und zwar schnell und sicher und mit der ganzen Welt verbunden. Aber ich wünsche mir auch, dass Herzberg und die ländlichen Regionen ihren Charme behalten. Einige Sachen dürfen sich nicht verändern: Zum Beispiel, dass man sich einfach ohne Handy und ohne Telefon und ohne irgendwas mit einer Freundin auf einen Kaffee verabredet. Diese persönliche Begegnung ist ein riesiger Vorteil auf dem Land.

 

Zum Abschluss, ganz persönlich: Was ist dein Lieblingsort?

Mein Lieblingsort ist natürlich Finsterwalde, wo ich aufgewachsen bin, wo ich zur Schule gegangen bin. Hier kann ich meine Kinder an meinen Kindheitserinnerungen teilhaben lassen, ihnen meine alte Schule zeigen und meinen alten Baum, wo ich immer gespielt habe. Natürlich ist hier auch Zuhause, meine Eltern haben hier eine Cocktailbar. Es sind ganz viele Ecken, die ich schön finde in der Stadt, die meinen Lieblingsort ausmachen.

 

Wollt ihr wissen, wie es mit LUG2 weitergeht und welche Veranstaltungen dort anstehen? Lebst du in der Region und willst testen, wie sich LUG2 und Herzberg als Arbeitsort anfühlen? Informationen und Kontaktmöglichkeiten findet ihr bei Facebook (LUG2 Coworking) und Instagram (lug2_coworking).


Das Gespräch mit Stephanie Auras-Lehmann führte Laura Heym am 03.04.2019.