Rückblick des Programmbereichs Zivilgesellschaft und Ehrenamt

Jahresrückblick 2021


Dieses Jahr hatte es mal wieder in sich! 2021 startete der Programmbereich gleich mit zwei Projekten: einem Modell- und einem Forschungsprojekt. Mit einem besonderen Blick auf die ländlichen Räume untersuchen wir dabei, welche Rolle die Digitalisierung in Engagement und Ehrenamt spielt, wie sie funktionieren und umgesetzt werden kann. Als neu gegründeter Programmbereich halten wir kurz inne und schauen zurück, was wir im Bereich Zivilgesellschaft und Ehrenamt bisher erreichen und lernen konnten.

von Janine Hoelzmann und Susann Nitzsche

Das gemeinsame Forschungsprojekt Zwischen Appstore und Vereinsregister – Ländliches Ehrenamt auf dem Weg ins digitale Zeitalter (AppVeL) mit dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) e. V. ist im Mai 2021 angelaufen und betrachtet das ländliche Ehrenamt deutschlandweit. Im ersten Schritt untersucht das Projekt mit Hilfe einer quantitativen Erhebung den Stand der Digitalisierung im Ehrenamt in ländlichen Räumen und bezieht sich dabei auf den aktuellen Forschungsstand, basierend auf drei Diskursstränge. Es wurde kritisch beleuchtet, was aktuell in der Fachwelt diskutiert wird und welche Fragen hinsichtlich Digitalisierung des Ehrenamts, Digitalisierung der ländlichen Räume und Ehrenamt in diesen Regionen offen bleiben. Auf dieser Grundlage sollte mehr über den Status quo, Veränderungen, Bedarfe und Erwartungen der Engagierten im Kontext der digitalen Transformation ermitteln werden. Dafür startete im November die Online-Befragung, die bis Mitte Januar 2022 läuft. Als Grundlage wurde vorab ein Engagement-Panel mit den Kontaktdaten von Vereinen, religiösen Gemeinschaften und freiwilligen Feuerwehren erstellt. Insgesamt wurde die Umfrage an über 20.000 Organisationen verschickt. Wir sind gespannt auf die Erkenntnisse und freuen uns auf die aufschlussreichen Antworten. 

Auch im Modellprojekt Herzberg digital.verein.t wurden wesentliche Meilensteine erreicht. Nachdem das Projekt im Jahr 2020 gemeinsam mit der Stadtverwaltung und vielen Engagierten in Herzberg (Elster) geplant und beantragt wurde, erhielt das Projektteam den Zuschlag im April 2021. Im März wurde die Herzberg-App als Teil der Digitalisierungsstrategie der Stadt gelauncht, wodurch Herzberger:innen nun die Möglichkeit haben, alle aktuellen und wichtigen Informationen zur Stadt direkt auf ihrem Smartphone zu empfangen. Diese App ist die Grundlage für die digitale Ehrenamtsplattform, die im Projekt gemeinsam mit den Engagierten vor Ort entwickelt wird. Anfang Juni trafen sich in der hybriden Auftaktveranstaltung Interessierte aus mehr als 40 lokalen Vereinen und Gruppen. Die folgende Online-Umfrage zum Stand der Digitalisierung des Ehrenamts in Herzberg wurde von über 100 Menschen beantwortet. Dadurch konnten wichtige Erkenntnisse als Grundlage für die weiteren Projektschritte gewonnen werden werden. Seit der Eröffnung des St.adtlabors in der St. Marienkirche im August fanden bereits viele Begegnungen vor Ort und Weiterbildungen zu Themen wie Datenschutz, Homepage und Mitgliedergewinnung statt.

Die Entwicklung der Ehrenamtsplattform schreitet seit dem Sommer in großen Schritten voran: in Workshops wurden die genauen Bedarfe der Herzberger Ehrenamtlichen ermittelt und priorisiert. Die daraufhin durch den Softwaredienstleister entwickelten Skizzen wurden im November geprüft und ein Team an Expert:innen hat eine vorhandene Softwarelösung getestet. Derzeit wird der Prototyp der Ehrenamtsplattform auf Grundlage der verschiedenen Rückmeldungen der Engagierten umgesetzt, sodass Interessierte diese Erweiterung der Herzberg-App bereits im ersten Quartal 2022 testen können.

Beide Projekte vereint, was uns bei neuland21 wichtig ist: Gemeinsam mit Akteuren vor Ort werden Ideen entwickelt und umgesetzt, und so die Chancen der Digitalisierung für das Leben in ländlichen Regionen aufgespürt und weiterentwickelt. Dabei belassen wir es nicht bei der Erforschung der digitalen Wandlungsprozesse, sondern begleiten sie auch praktisch vor Ort, um Grundlagen einer nachhaltigen und wirksamen Digitalisierung in der Zivilgesellschaft zu schaffen.   

Nun der Blicke nach vorne! Was nehmen wir an Themen und Erkenntnissen mit aus 2021? Die wichtigsten Punkte haben wir hier zusammengefasst:

1. Nichts ist wichtiger als offene, transparente und inklusive Kommunikation im Engagement.

Eine transparente Kommunikation nach innen und außen ist ein Muss. Die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel schafft neue Werkzeuge, um Informationsflüsse im Verein oder der Gruppe zu verbessern und die Vernetzung der Mitglieder untereinander zu beschleunigen. Neue Technologien können dabei helfen, Arbeitsprozesse im Vorstand effizienter zu gestalten, die Zusammenarbeit mit den Zielgruppen zu optimieren und neue Engagierte zu gewinnen. Digitale Kommunikationstools machen hierbei zeitnahe Absprachen und Entscheidungen nicht nur möglich, sondern bringen sie oft auf ein neues, interaktiveres Level. Allerdings reicht die Anschaffung neuer Software-Anwendungen allein nicht aus, um die damit neuen Möglichkeiten der Kommunikation effizient nutzen zu können. Für eine transparente und inklusive Kommunikationskultur bedarf es, neben möglichen Weiterbildungsangeboten und einer gewissen Offenheit gegenüber digitalen Themen auf Seiten der Ehrenamtlichen, ein offenes Ohr für die Engagierten. Die digitalen Tools müssen zu den Organisationsstrukturen und -werten sowie den Erwartungen der Mitglieder passen Denn neu digitalisierte Kommunikationswege sollten nie dem Selbstzweck dienen, sondern einen sichtbaren Mehrwert für Engagierte in Vereinen und Organisationen bieten. 

2. Beteiligte Personen frühzeitig in den Prozess einzubinden erhöht die Akzeptanz und bringt zusätzliche Motivation. 

Welche digitalen Tools kommen in der Vereinsarbeit effektiv zum Einsatz? Wo liegen die konkreten Chancen und Herausforderungen einer digitalen Entwicklung? Und welche Unterstützung bei der Realisierung von Digitalisierungsvorhaben wird gewünscht? Das sind nur wenige, aber wesentliche Fragen, um den Weg der digitalen Transformation in der eigenen Organisation zu ebnen. Wenn diese Fragen bereits zu Beginn des Prozesses gestellt und gemeinsam diskutiert werden, dann können die individuellen Anforderungen der Vereine und Gruppen bewältigt und die Möglichkeiten der Digitalisierung ausgeschöpft werden. Denn frühzeitige Beteiligungsformate, die ebenfalls auf eine breite Einbindung setzen, schaffen Transparenz und somit Vertrauen in anstehende Veränderungsprozesse. 

3. Den digitalen Wandel aktiv mitzugestalten benötigt einen langen Atem. 

Ein Blick in den Alltag vieler Organisationen zeigt, dass digitale Anwendungen bereits in die tägliche Arbeit von Ehrenamtlichen Einzug gehalten haben. So erleichtern zum Beispiel Cloud-Speicher die kollaborative Zusammenarbeit und mit Online-Spendenaktionen wird eine größere Bekanntheit und Reichweite erreicht. Doch um den digitalen Wandel nachhaltig mitzugestalten und langfristig in Organisationen zu etablieren, braucht es ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen. Es kommt dabei stark auf die Offenheit und innere Überzeugung der Vorstandsmitglieder oder anderer wichtigen Positionen im Verein und in der Gruppe an, um die richtigen digitalen Werkzeuge zu entdecken und einzusetzen. Damit der digitale Wandel in zivilgesellschaftlichen Organisationen gut verläuft, braucht es Mut und Selbstbewusstsein, um den zukünftigen digitalen Veränderungen gewachsen zu sein. Dabei liegt der Schlüssel zum Erfolg vor allem auf gut überlegten, langfristigen Strategien, die die gesamte Organisationsentwicklung im Blick haben. Doch die Ausdauer wird belohnt!

4. Es besteht hoher Bedarf an Qualifizierung für ehrenamtlich Engagierte. 

Die Devise lautet, durch Qualifizierung und Beratung Potenziale zu nutzen. Im Rahmen von Workshops und vielfältigen Austauschrunden wurde deutlich, dass es sowohl der fachlichen Weiterbildung bedarf –beispielsweise im Umgang mit digitalen Tools –, gleichzeitig sind aber auch persönliche,soziale und kommunikative Kompetenzen nicht zu unterschätzen. Die Themenschwerpunkte im Kontext der Digitalisierung sind vielfältig. Sie betreffen zum einen rechtliche und technische Aspekte, z. B. Datenschutz und Open Source, als auch die Integration von Soft Skills in die ehrenamtlichen Arbeit, wie z. B. kreative Problemlösung, Kollaboration oder strategisches Vorgehen. Eine steigende Weiterbildungsnachfrage ist ein klares Anzeichen dafür, dass digital Interessierte und hochmotivierte Engagierte erreicht werden.

 

Mit diesen Learnings aus 2021 starten wir ins neue Jahr und freuen uns auf die Fortsetzung unserer Projekte in 2022 und natürlich auf neue Themen und Aufgaben! Direkt im Januar wollen wir unsere Themen mit euch diskutieren: Wir veranstalten am 27.01.2022 ein Fachforum zum Thema „Ländliches Ehrenamt im digitalen Zeitalter” beim 15. Zukunftsforum Ländliche Entwicklung. Merkt den Termin schon mal vor!

Habt ihr Erfahrungen aus dem Jahr, die ihr mit uns teilen wollt oder decken sie sich mit unseren? Was sind Eure Erkenntnisse und Anregungen? Dann schreibt uns: laura.heym@neuland21.de

Foto: Herzberg digital.verein.t