Neue Studie: Coworking auf dem Land mehr als ein Trend

Das Projektteam „Zukunft der Arbeit“ der Bertelsmann Stiftung und die CoWorkLand Genossenschaft haben in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Zukunftsorte kürzlich ihre neue Studie „Coworking im ländlichen Raum“  präsentiert. Wir haben uns die Studie näher angeschaut und einige ihre wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst. 

Das urbane Raumkonzept der Coworking Spaces hat sich in den letzten Jahren zunehmend auf die ländlichen Räume verlagert. Die Zahl der Coworking Spaces abseits der Metropolen und Städte ist stark gestiegen und die neuen Arbeitsorte sind nicht mehr wegzudenken. Corona scheint den gegenwärtig zu beobachtenden Trend zu verstärken. Die ländliche Perspektive eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten und Funktionen der Coworking Spaces. 

Fest steht: Coworking Spaces können die Daseinsvorsorge in peripheren ländlichen Räumen stärken und erste belebende Effekte für die Ortsgemeinschaft sind zu erkennen. Aber wer sind eigentlich die Zielgruppen der Coworking Spaces, wer sind die Gründerinnen und Gründer und wie entstehen die flexiblen Arbeitsmodelle im ländlichen Raum?

 

400 Neugierige schalten sich Online-Präsentation zu

Mitte November wurde die Studie zum ersten Mal in einer Online-Session vorgestellt. Über 400 Interessierte hatten sich zugeschaltet und erhielten dort erste wertvolle Einblicke und Einschätzungen der vier Autoren und Autorinnen Ulrich Bähr, Juli Biemann, Philipp Hentschel und Jule Lietzau. Eine aufregende und feierliche Stimmung war während der Präsentation zu spüren. Denn hinter der Studie stecken über zwei Jahre Arbeit und mehr als 200 Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern sowie Gründerinnen und Gründern von ländlichen Coworking Spaces deutschlandweit. Die Teilnehmenden wurden zu Beginn mit einer Videobotschaft aus dem Coworking Space „Echtland“ in Pfaffenhofen abgeholt. Zumindest virtuell konnte jeder in den modernen Arbeitsort auf dem Land eintauchen.

Coworking Spaces auf dem Land erreichen breite Zielgruppe

Die Studie zeigt: Coworking kann wichtige Impulse für die wirtschaftliche Wiederbelebung strukturschwacher Regionen geben. Dabei ist jeder einzelne Coworking Space auf dem Land als ein Unikat zu betrachten und das Angebot ist so vielfältig, wie der Bedarf der arbeitenden Menschen vor Ort. „Es war für mich überraschend und erkenntnisreich, dass das Spektrum auch Branchen abdeckt, die man nicht unbedingt in einem Coworking Space erwartet hätte, wie beispielsweise Lehrer:innen oder Handwerker:innen”, erzählt Jule Lietzau von CoWorkLand.

Im Vergleich zur Stadt funktionieren die neuen Orte auf dem Land vielfältiger und andere Geschäftsmodelle werden genutzt. Zudem gibt es eine starke Nachfrage nach Gemeinschaft, sodass die Arbeitsorte vor allem als integrierendes Netzwerk funktionieren. „Um rurale Coworking Spaces entwickeln zu können, ist die Einbettung in ein Netzwerk und der damit verbundene Austausch in der Community of Practice elementar. Dies kann beispielsweise ein Austausch mit anderen Space-Betreiber:innen oder das gegenseitige Besuchen in Coworking-Spaces sein. Auch der Beitritt zu regionalen Gruppen und alteingesessenen Gruppierungen wie den Landfrauen und anderen Vereine können helfen und als Multiplikation fungieren. Die Strukturen sind da, man muss sie sich nur zunutze machen“, berichtet Jule Lietzau. 

Um diese Vielfalt und besondere Dynamik der Nutzerinnen und Nutzer der Coworking Spaces in ländlichen Räumen zu erfassen, wurden Typen gebildet, deren Arbeitsformen sehr unterschiedlich ausfallen können. Insgesamt umfassen zwölf Typen die Bandbreite der sogenannten “neuen Landarbeiter:innen”, deren Arbeitsmodelle nur durch die Digitalisierung möglich sind. Neben den klassischen Coworkerinnen und Coworkern aus der Kreativ-, Digital- und IT-Wirtschaft sind auch Handwerker und Handwerkerinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Berater und Beraterinnen in ländlichen Räumen vertreten. „Die Corona-Pandemie transformiert die Arbeitswelt gerade sehr schnell. Ein Teil dieser Transformation ist der Weg hinzu ortsunabhängigem Arbeiten – und das selbst bei Branchen, bei denen man es bisher nicht kannte. Die Nutzer:innenvielfalt in Spaces wird demnach zukünftig noch weiter steigen”, so Jule Lietzau. 

 

Im ländlichen Raum entfaltet sich derzeit eine dynamische Coworking-Landschaft 

Zudem kommen neue Erscheinungsformen der ländlichen Coworking Spaces hinzu, indem neue Angebote für spezielle Zielgruppen entwickelt werden. Die Studie unterscheidet sieben Typen, die die vielfältigen Erscheinungsformen und Geschäftsmodelle der Coworking Spaces berücksichtigen. 

Einer der Typen spiegelt die klassische Interpretation des Coworkings im ländlichen Raum mit einigen Besonderheiten wider. Zum Beispiel fällt der Flächenbedarf von ländlichen Coworking Spaces im Durchschnitt geringer aus, aufgrund der vergleichsweise geringeren Nachfrage und Nutzerinnendichte. Umso relevanter ist eine funktionierende Community, die Raum für Vernetzung, Wissensaustausch und persönliche Beziehungen bietet. Weitere Typen der neuen Arbeitsorte sind der Pendlerhafen, Bottom Hub, Retreat, Workation, Neue Dorfmitte und Wohn- und Arbeitsprojekte.

In Zukunft gibt es „ein dichtes Netz ruraler Coworking-Spaces, das Arbeiten und Wohnen in ländlichen Räumen wieder zusammenbringt, wodurch ein Trittstein in der Verbindung zwischen Stadt und Land geleistet wird”, erwartet Jule Lietzau: „ländliche Coworking Spaces leisten somit einen unterstützenden Beitrag zu zukunftsfesten, ländlichen Räumen.”

 

Ein Großteil der ländlichen Coworking Spaces wird von engagierten Gemeinschaften gegründet.
Ihr gemeinsames Ziel: eine zukunftsgerichtete Arbeitsgestaltung.

Ein weiterer wichtiger Baustein der Untersuchung ist die Betrachtung und Einordnung der Gründungs- und Organisationsformen von ländlichen Coworking Spaces. Die vier häufigsten Gründungsformen sind Unternehmens-Spin-offs, engagierte Gemeinschaft, kommunale Gründungen und Wirtschaftsförderung und Gründungszentren. Eine der häufigsten Gründerinnengruppen von ländlichen Coworking-Spaces sind Unternehmer und Unternehmerinnen, die Coworking Spaces neben ihrem Hauptgeschäft gründen. Die Implementierung eines Coworking Space kann vielfältige positive Effekte auf ein privates Geschäftsmodell haben, indem Bürokosten gesenkt werden und die Qualität der Arbeitsatmosphäre zunimmt. Ein Großteil der Coworking Spaces jenseits der urbanen Gebiete ist jedoch auf das Engagement von kleinen Gründungsteams zurückzuführen. Diese Initiativen sind zum Teil genossenschaftlich oder als lokaler Verein organisiert. Auch immer mehr Kommunen schätzen die neuen Arbeitsorte. Sie erhoffen sich durch die Gründung von Coworking Spaces positive Effekte auf Dorfkerne und die lokale Wirtschaftsstruktur. Eine weitere typische Erscheinung sind die Gründungen von Coworking Spaces in bestehenden Gründungszentren, oftmals durch Wirtschaftsförderung initiiert. Das bestehende Angebot sowie die Infrastruktur des Gründungszentrums bietet viele Anknüpfungspunkte für einen Coworking Space. Schließlich lassen sich die Bedarfe der Zielgruppen und entsprechende Angebote gut ergänzen. 

Die Gründung von ländlichen Coworking Spaces kann dementsprechend ganz unterschiedliche Motive und Ursachen aufweisen, um die vielfältigen Herausforderungen im ländlichen Raum zu bewältigen.

 

Fazit

Die in den letzten zwei Jahren geleistete Arbeit der Studie kann sich sehen lassen! Die Einordnung in unterschiedliche Typen ist ein wunderbares Werkzeug für Laien sowie Experten und Expertinnen, um die vielfältigen Erscheinungsformen ländlicher Coworking Spaces einzuordnen. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wie die Typen ausdifferenziert werden können. Gleichwohl sind weitere Untersuchungen für eine nachhaltige Entwicklung von Coworking Spaces im ländlichen Räumen notwendig, um Gründerinnen und Gründer beim Aufbau gezielt zu unterstützen. „Wissenschaftliche (Begleit-)Forschung zu dem Thema ist rar und der Bedarf ist anscheinend mehr als da,” so Jule Lietzau. Auch die Herausforderung der Wirtschaftlichkeit bedarf einer tiefgreifenden Aufarbeitung, um das Arbeitsmodell attraktiver für kommunale Träger zu gestalten.

 

Liebe Julia, vielen Dank für deine Einschätzungen.

Zum Download der Studie „Coworking im ländlichen Raum“