Kann ich Land?

Kann ich Land?

Wie es ist, sich wirklich für das Dorfleben zu entscheiden

Vom 19.-21. September findet die nächste LANDWÄRTS-Zukunftsschmiede statt. Diesmal in Stolpe in der Uckermark. Workshop-Leiterin Nadine Binias hat für uns aufgeschrieben, wie sie persönlich den Weg aufs Land gefunden hat und was sie mit der Zukunftsschmiede im alten Betonwerk Stolpe vor hat! Vorsicht – Landsehnsucht in Bildern! 😀

Alle Fotos in der Galerie: Sven Hagolani

Seit Juni 2019 wohne ich in Stolzenhagen, einem kleinen Sackgassendorf mit rund 230 Einwohnern. Diese Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht. Alles fing mit einem Yoga-Retreat auf dem Gut Stolzenhagen an. Die komplexen Strukturen und Besitzverhältnisse des genossenschaftlich organisierten Guts und seiner Bewohner durchblickte ich zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise und sie waren mir auch egal. Wichtig war mir nur eine Erkenntnis: Stolzenhagen fühlte sich an wie zu Hause. 

Sechs Sommer später zog ich dann mit Sack und Pack und einer Freundin endlich an den Rand der Uckermark mitten in den Nationalpark Unteres Odertal auf das Gut Stolzenhagen. Bis jetzt habe ich keine Sekunde bereut. Das liegt natürlich auch daran, dass ich das Glück habe, für viele unterschiedliche Projekte und Akteure vor Ort arbeiten zu können. Und dass es die Vielzahl an Initiativen überhaupt gibt. Denn eine Sorge potentieller Land-Zuzieher ist ganz sicher, ob sie vor Ort einerseits Arbeit finden und andererseits einige Gleichgesinnnte, vielleicht sogar Freunde.

Der ideale Ort, um solche Menschen zu finden, sich auszuprobieren und vielleicht auch mal das Landleben auf Zeit zu erproben, ist das alte Betonwerk in Stolpe. Dort entsteht in den nächsten Jahren auf 4,5 Hektar Industriebrache ein Ort, der ein Modell werden soll für gemeinschaftliches, nachhaltiges Wohnen und Arbeiten auf dem Dorf. Von der Reaktivierung der alten Dorfkneipe über Renaturierung und Kunst-Performances bis hin zur Ansiedlung von Handwerk und Gewerbe ist dort Raum für Experimente. Natürlich vorzugsweise unter enger Einbindung der lokalen Bevölkerung – denn wer aufs Dorf zieht, muss mit Nachbarn rechnen. Und die sind in Brandenburg immer ein wenig schwieriger, netter, rechter, linker, stummer oder redseliger als man gedacht hätte. Wer offen und herzlich ist bekommt aber ganz sicher Unterstützung auf ganzer Linie.

Der Kulturpark Stolpe bietet durch seinen riesigen, gefühlt leeren Raum die perfekte Projektionsfläche für Ideen und Visionen jeglicher Art. Kunst und Kultur werden in der Region ebenso hoch geschätzt wie klassisches Handwerk oder „Kopfarbeit“. Überall dort, wo es bereits schnelles Netz gibt, ist natürlich auch digitales Arbeiten möglich, das hat bereits jetzt viele Kreative in die Gegend gelockt.

Ganz abgesehen von dem Mega-Potenzial des alten Betonwerk-Geländes ist aber auch die ganze Region attraktiv. Der ausgesprochen engagierte Bürgermeister Frederik Bewer aus Angermünde treibt in angemessenem Tempo und mit dem richtigen Ton, die Entwicklung seiner kleinen Stadt und der zahlreichen zugehörigen, umliegenden Dörfer vorbildlich voran. Das Rathaus ist für ihn ein Haus des Rats und er lädt glaubwürdig ein, sich diesen dort vor Ort auch auf jeden Fall zu holen.

Die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren mit dem Dorf, dem Landleben, genossenschaftlichen Strukturen, Vereinsleben, Fördermitteln, Leerstand, Angst vor Gentrifizierung, Zuzug, Wegzug, sinnvollem Netzwerken und Existenzgründung auf dem Land gemacht habe, werde ich für die LANDWÄRTS-Zukunftsschmiede im September bündeln.

Gemeinsam werden wir an drei Tagen – jeder für sich und alle zusammen – eine persönliche Vision entwickeln, wie das eigene Leben auf dem Land aussehen kann. Was braucht man eigentlich dafür? Job? Familie? Haus? Oder nur einen Camper, eine Idee und etwas Geld auf der hohen Kante? Kann man beim Bäcker auch mit 40 noch in die Lehre gehen oder ungelernt Tiny Houses bauen, vielleicht mit dem lokalen Tischler?  Dabei spielt es letztlich keine Rolle, ob der gewählte Wohnort dann Stolpe, Stolzenhagen, die Uckermark oder der Barnim oder doch Buxtehude ist – wichtig ist, dass man seinem Traum ein wenig näher kommt. Ein Gedankenspiel mit Gleichgesinnten. Ein Erfahrungsaustausch mit ein wenig Beratungscharakter. Und ein schönes Wochenende unter neuen Freunden!

Wir freuen uns auf Eure Anmeldungen! Mehr Infos zur Zukunftsschmiede gibt es hier.

 

Gabriele Gruchmann

Gabriele Gruchmann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Gabriele ist Regionalentwicklerin mit einem sicheren Gespür für nachhaltige Innovationen. Sie würde das Gras gern noch ein bisschen grüner, die Seen noch ein bisschen blauer und den ländlichen Raum noch ein bisschen bunter machen – damit er auch in Zukunft für alle lebenswert bleibt. Bei neuland21 erforscht sie urbane (und nicht so urbane) Dörfer und konzipiert Seminare und Workshops für ländliche Gründer. Gabriele hat Kommunikation an der Hochschule Osnabrück, Geographie an der Freien Universität Berlin und Regionalentwicklung und Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde studiert.

gabriele.gruchmann@neuland21.de